Evangelische Pfarrgemeinde A.B.

Bad Aussee – Stainach-Irdning

Advent 2020

Mit Blick auf den Lockdown und den damit verbundenen Einschränkungen möchte ich mich mit einem kurzen Andachtstext an Sie wenden und Ihnen damit meine herzliche Verbundenheit zum Ausdruck bringen.

Liebe Gemeinde im Advent 2020,

wir möchten zu Ihnen sprechen und mit Ihnen gemeinsam beten:

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

1. Advent, 29. November 2020

Lieder
EG 4,1-2+5
EG 13
EG 11,2+7
EG 171,1-4

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Andacht Teil I
Sacharja 9,9-10

Freue dich sehr, du Tochter Zion; freue dich, du Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir; ein Gerechter und ein Retter ist er, demütig und reitend auf einem Esel, und zwar auf einem Füllen, einem Jungen der Eselin.
…; und Er wird den Völkern Frieden gebieten; und seine Herrschaft wird reichen von einem Meer zum anderen und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Zion (hebräisch צִיּוֹן Zijjōn) hieß ursprünglich eine Turmburg der Jebusiter an der südöstlichen Stadtgrenze des vor-israelitischen Stadtstaates Jerusalem. Seit deren Eroberung durch König David und dem Bau des ersten Jerusalemer Tempels unter Salomo wurde der Zion in der hebräischen Bibel zum Synonym für den Wohnsitz JHWHs, des Gottes der Israeliten (z. B. Jes 8,18). Diese Zions-Theologie durchzieht die Prophetie AT seit Jesaja und bestimmt/e auch die Endzeiterwartung des Urchristentums mit.

Mt 2,1-12 erzählt von orientalischen magoi, die durch einen hellen Stern von der Geburt eines neuen Königs des Volkes Israel erfahren und nach Jerusalem reisen, von dort aber zu dessen Geburtsort in Betlehem geführt werden, um vor ihm niederzuknien und ihn mit Geschenken zu ehren. Diese Geschichte stellt Jesu Geburt als anfängliche Erfüllung der biblisch verheißenen Völkerwallfahrt zum Zion dar. Mit dem Stern von Bethlehem erinnerte der Evangelist an die Weissagung Num 24,17, nach der ein künftiger König Israels Feinde besiegen werde. Die Freude der Sterndeuter beim Fund des Geburtsortes Jesu deutet auf die endzeitliche Freude aller Völker im Reich Gottes voraus (Jes 60,5; 65,17 ff; 66,14; vgl. Mt 5,12; Lk 2,10). Darüber hinaus erwartete biblische Prophetie vom Messias laut Mi 5,1ff; Jes 49,6 u. a., dass er das Zwölfstämmevolk wiederherstellen und es vor seinen ehemaligen Feinden, den Fremdvölkern, verherrlichen werde, um diese ebenso zu segnen.

Die Geschichte vom Einzug Jesu auf einem Esel in Jerusalem (vgl. Mt 21,1-11) nimmt die messianische Verheißung vom Friedenskönig (Sach 9,9) auf. Die folgende prophetische Zeichenhandlung Jesu im Vorhof des Tempels für Nichtjuden (Mk 11,17 ff.) sollte die ungehinderte Teilnahme am Gebet im Tempel ermöglichen und so die in Jes 56,7 verheißene gemeinsame Anbetung des einzigen Gottes auf dem Zion vorwegnehmen und ermöglichen, in der nach Jes 60,11 die Erneuerung Israels zum Ziel kommen werde.

Andacht Teil II
Psalm 4,7
„Viele sagen: ‚Wer wird uns Gutes sehen lassen?‘ HERR, lass leuchten über uns Dein Licht Deines Antlitzes!“

Es gab deren viele, selbst unter Davids Freunden und getreuen Anhängern, die lieber sehen als glauben wollten. Diese Neigung ist heute dieselbe. Viele sehnen sich zu Recht danach, äußeres Wohlergehen zu erfahren, und sind auf unterschiedlichste Weise betroffen, wenn „Dunkelheit“ alles Gute vor den Blicken verhüllt. Psalm 4, Vers 7 spricht von einem unaufhörlichen Ruf: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Die Rede ist von in Not geratenen Menschen, deren Zweifel an ihren Herzen nagt. Damit stellt sich die Frage nach Gott immer wieder neu. Diese Frage ist facettenreich und bezieht sich auch gegenwärtig auf viele Ereignisse. Die Corona-Konstellation ist nur eine Facette – neben dem Klimawandel –, aber eine bestimmende: „Draußen agiert ein Virus, mit einer nicht berechenbaren Mutationsfreude, und meine Unsicherheit sucht einen Halt. Sind es z.B. die angekündigten mRNA-basierten Impfstoffe?“ Durch Sars-CoV-2 und Covid-19 sind wir 2020 in eine fast „haltlose“ surreale Situation geraten: Schwestern, Pfleger, ÄrztInnen liefen/laufen häufig am Limit. Singles litten/leiden unter der Isolation. Familien hock(t)en aufeinander. Beziehungen standen und stehen auf dem Prüfstand. Homeoffice und Homeschooling auf engerem Raum, oft ohne Ausweichmöglichkeiten, mit Angst um den Arbeitsplatz oder die Gesundheit. Das brachte und bringt Menschen an ihre Grenzen. Es kam und kommt zu Depressionen, zu Streit oder gar zu physischen Ausbrüchen. „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ wirkt brennend aktuell – als Aufschrei unserer Herzen. Vers 7b setzt einen großen Schritt nach vorn: „HERR, lass leuchten über uns Dein Licht Deines Antlitzes!“ Mitten in Zweifel und Angst kommt Seine Zusage. Meine auf Gott gesetzte Zuversicht ist der Wendepunkt in einer vielleicht aussichtslosen Gesamtlage: „Lasst uns auf das Wesentliche des Lebens schauen!“ Der Strom des Lebens fließt vom „Tempel Gottes“ (z.B. Hes 47,1-9.11-12). Das Licht des göttlichen Antlitzes scheint über uns: Das ist genug. In meinen studentischen Jahren arbeitete ich an Wochenenden und auch während der Woche im Nachtdienst auf verschiedenen Intensivstationen großer Krankenhäuser, zum Schluss in den 1990er Jahren im Deutschen Herzzentrum Berlin; acht bis neun Stunden in voller „Schutzmontur“ und mit Maske. Diese Dienste waren auch ohne „Corona“ anstrengend und sie machten mich oft aus drei Gründen sprachlos: (1) Angesichts der Leiden der PatientInnen, (2) angesichts des Mutes der PatientInnen und (3) angesichts der Opferbereitschaft des Pflegepersonals und der Ärztinnen und Ärzte. In dieser „Sprachlosigkeit“ lernte ich etwas, wovon ich vorher wenig Ahnung hatte: In ihr schwieg ich von einem Leben, und von einem Gott, das bzw. der für mich nicht fassbar war und ist. Meine Sprachlosigkeit wurde in dieser Zeit zu meinem Gebet. Heute finde ich wieder Zugang zu dieser Form des Gebets: Mein Schweigen ermöglicht Gott, mit mir zu reden. Die „Corona-Maßnahmen“ müssen kein „Kommunikationskiller“ sein, obwohl Kontakte auf ein Minimum zurückgeschraubt wurden bzw. werden; was uns ermöglicht wird, ist, im „Schweigen“ auf das von Gott geschenkte Wort/Leben zu hören, Korrekturen vorzunehmen und schließlich neue Wege zu wagen! Auf den Punkt gebracht: Ich vertraue einer verantwortungsvollen Medizin bzw. Forschung, vor allem aber vertraue ich Gott! Das Psalmwort bleibt nicht unbeantwortet, sondern strahlt Hoffnung und Freude aus, dass Gott Sein Licht über uns scheinen lässt. Ein ins Leben zurückgekehrter Intensivpatient sagte mir einmal, es sei die höchste Vollkommenheit eines Menschen, Gottes zu bedürfen; und er sagte weiter: „Dennoch definiere ich mich nicht über das, was mir fehlt, sondern über das, was ich bin; Sein Licht scheint über mir!“

Von Herzen wünschen wir Ihnen in der Adventzeit 2020 dieses Licht des Antlitzes Gottes.

Ihr Pfr. Meinhard Beermann